In Deutschland war die Frauenrechtsbewegung stärker zersplittert als in England. Ein Grund war das Vereinsgesetz, das Frauen bis 1908 die Mitgliedschaft in politischen Vereinen verbot. Trotzdem gab es mutige Frauen, die den Kampf aufnahmen. Eine von ihnen war Anita Augspurg.
Anita Augspurg wurde 1857 in Verden an der Aller geboren. Ihr Vater war Landgerichtsrat, ihre Mutter kam aus einer Akademikerfamilie. Augspurg wuchs in einem liberalen Umfeld auf, das Bildung für Frauen förderte.
Nach dem Schulabschluss weigerte sich Augspurg, das "Höhere-Töchter-Dasein" zu akzeptieren. Sie ging nach Berlin, absolvierte eine Lehrerinnenausbildung und wurde Schauspielerin. Doch die Schauspielerei hielt sie nicht lange. 1887 zog sie mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker nach München und eröffnete das Fotoatelier Elvira.
Das Atelier war eine Sensation. Zwei alleinstehende Frauen, die ein erfolgreiches Geschäft führten. Das war unerhört. Noch unerhörter war ihr Auftreten. Augspurg und Goudstikker trugen kurze Haare, Reformkleider und fuhren Fahrrad. Sie rauchten in der Öffentlichkeit und ritten im Herrensitz durch den Englischen Garten. Für die damalige Zeit war das eine Provokation.
Das Fahrrad war für Augspurg mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es war ein Statement. Es sagte: Ich bestimme selbst, wie ich mich bewege. Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich darf und was nicht.
1893 entschloss sich Augspurg zu einem Jurastudium in Zürich. In Deutschland durften Frauen nicht studieren. 1897 kehrte sie als promovierte Juristin nach München zurück. Sie war die erste deutsche Frau mit einem Doktortitel in Jura.
Zusammen mit Lida Gustava Heymann, ihrer Lebensgefährtin, gründete Augspurg 1902 den ersten deutschen Verein für Frauenstimmrecht. Sie wollte die radikalen Methoden der englischen Suffragetten nach Deutschland bringen. Großdemonstrationen, Hungerstreiks, öffentlicher Protest.
Doch die deutschen Frauenrechtlerinnen waren zögerlich. Als Augspurg und Heymann 1908 in London an einer Demonstration mit 750.000 Suffragetten teilnahmen und eine ähnliche Aktion in Deutschland organisieren wollten, scheiterten sie. Ihre Mitstreiterinnen waren zu vorsichtig.
Aber Augspurg gab nicht auf. Sie bombardierte den Reichstag mit Gesetzesvorlagen. Sie kämpfte für die Reform des Familienrechts, die Abschaffung der Prostitution und die Streichung des Paragrafen 218 (regelt den Schwangerschaftsabbruch). Und sie gab mehrere Zeitschriften heraus.
1918 wurde das Frauenwahlrecht auch in Deutschland eingeführt. Augspurg hatte gewonnen. Doch sie wurde nie Abgeordnete. 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, befand sich Augspurg auf Mallorca. Sie kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. 1943 starb sie im Züricher Exil.